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Ausstellungstext (Flyer)

AUS VERSEHEN ABHANDEN
Ausstellung in der Galerie Zimmermannhaus Brugg

Marcel Deubelbeiss

Versuch über das aus versehen Abhandene

Das Handfeste weicht dem Flüchtigen, Apps auf unseren Smartphones werden zum Werkzeugkasten der Gegenwart – die Digitalisierung der Welt ist wohl kaum mehr zu bremsen. Was früher Materialität war, ist heute Information. Doch sind wir ehrlich: Auch wenn wir unseren iPad lieben, trauern wir doch ein bisschen den Gegenständen nach, die einst unseren Arbeitstisch, unsere Regale und Schubladen bevölkert haben und jetzt an den staubigen Rändern unseres Lebens ein Schattendasein fristen. Eigentlich müsste man sich schuldig gegenüber den Dingen fühlen: Sie haben sich mit derselben Höflichkeit, wie sie uns gedient haben, aus unserer Gegenwart vertreiben lassen. Man muss nicht übertrieben nostalgisch sein, wenn man der haptischen Erfahrung nachtrauert und die taktile Bereicherung seines Alltags vermisst. Wenn im Ausstellungstitel die Worte «Sehen» und «Hand» stecken, so ist dies kein Zufall, sondern Programm: Sie machen deutlich, dass in den Arbeiten von Andrea Gerber das Physische seinen festen Platz hat. Die Arbeiten fordern uns zu einem «haptischen Sehen» heraus und machen aus Neben-Sachen wieder Haupt-Sachen – darin liegt ihre Qualität und Ethik. Bei Andrea Gerbers Arbeiten geht es um Dinge, die ihres Alters oder ihrer Gewöhnlichkeit wegen aus Versehen abhanden gekommen sind.

So zum Beispiel bei der Arbeit «unendlich+1». Ein Metallschrank bäumt sich fast bedrohlich vor dem Betrachter auf. Längst nicht mehr dem hygienischen Standard unserer aseptischen Gegenwart entsprechend, wurde er aus einer Küche verbannt und steht nun geheimnisvoll im Raum. Die undurchdringliche Schale steigert zusätzlich die Fragilität des Inhaltes. Alle Zeiten überdauernde Härte trifft brutal auf Endlichkeit und macht so die Zeitlichkeit und Verletzlichkeit des Lebens auf beunruhigende Weise erfahrbar. Die Nutzlosigkeit des Bedürfnisses, alles ewig konservieren zu können, wird drastisch vor Augen geführt: Der zur Konservierung angefertigte Schrank muss selbst konserviert werden.

Ein weiteres aus der modernen Küche verbanntes Objekt findet seinen Platz in der Ausstellung – dieses Mal eher warm und angenehm. Das an einer Wand befestigte Spülbecken zeigt sich erst wirklich durch die halbdurchsichtige Verdeckung seiner Holzverschalung. Das vermeintlich Alltägliche wird durch kleine Eingriffe verfremdet und erlangt so die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt. Es strahlt eine «grossmütterliche» Wärme aus, die nicht richtig in eine heutige Hochglanzküche passen will.

Ist beim Spülbecken die Funktion noch erahnbar, so verselbständigen sich die Gegenstände bei der Arbeit «lhutS». Das gesellschaftliche Ordnungssystem, symbolisiert durch Objekte aus unserem Alltag, wird sprichwörtlich auf den Kopf gestellt. Stuhl, Spiegel und Handtuch verschmelzen zu etwas Neuem, dessen Funktion erst noch erschlossen werden muss.

Objekte, Teile von Maschinen und andere Dinge, die in unserem Alltag kaum Aufmerksamkeit erlangen, trifft man auch in der Arbeit «Do it» an. In Einmachgläsern konserviert, werden sie zu Sammlerstücken ohne eindeutige Funktion. Die kleinen, aus dem Einkaufshaus stammenden Dinge werden durch den nachträglich eingestreuten Glimmer verkitscht und künstlich überhöht. «Do it» als optimistische Kaufhaus-Aufforderung zur Selbstverwirklichung wird auf diese Weise ironisch gebrochen.

Ist der Seitenhieb auf Alltag und Werte bei «Do It» ironisch und verspielt, so ist er beim «Blindgänger» genauso grob wie das Objekt selbst. Im Gegensatz zu schicken Flatscreens, die das Unzumutbare täglicher Gewalt in einem angemessenen Abstand halten, verwandelt sich die auf dem Boden liegende Bildröhre in eine Bombe. Sie wird zu einem unerwünschten Eindringling, der unseren mit glatten Screens bestückten Alltag bedroht. Der Titel «Blindgänger» könnte so als Angriff auf die irrige Vorstellung verstanden werden, dass hochauflösende HD-Qualität automatisch aufklärende Sichtbarkeit bedeutet. Im Gegenteil: Brillante Bildschärfe stilisiert das Reale bis zur Unkenntlichkeit und täuscht so Erkennbarkeit lediglich vor.

Dieser Anspruch nach keimfreier, digitaler Qualität entsteht aus dem Wunsch, ungestört und unverfälscht geniessen zu können. Die Verdrängung des Störenden, des Materiellen und auch der Gewalt schlägt so selbst in Gewalt um. Dies ist vielleicht das Thema der «Plattenfräse»: Wenn auch einige noch dem vermeintlich Authentischen des Plattenspielerkratzens nachtrauern, ist doch das Diktat einer glasklaren Tonqualität allgegenwärtig. Einem digitalen Musikohr muss die Geräuschlandschaft der Plattenfräse als eine atonale Komposition des Zufälligen erscheinen. Das Störende, Materielle, Widerständige und Gewaltsame wird in dieser Arbeit integriert und nicht verbannt.

Zu guter Letzt ist auch ein Schlüssel selbst eine ziemlich verschlüsselte Angelegenheit. Die Vervielfältigung der Bärte ist vielleicht als Kommentar auf die irrige Vorstellung zu verstehen, dass Kunstwerke eine Vieldeutigkeit haben, welche den vermeintlich banalen Dingen unseres Alltags fehlen würde. Und doch bedarf es der Kunst, um die Mehrdeutigkeit des Alltags abseits der Kunst wieder erfahren zu können. Ein Schlüssel ist eben genauso wenig ein Schlüssel wie eine Pfeife einfach eine Pfeife ist. Aber soviel weiss der selbstkritische Betrachter: Auch dies ist nur ein vorschneller Vorschlag. Wie bei einem Schlüssel mit 21 Bärten findet das Suchen nach einer Lösung zu keinem abschliessenden Ende. Zum Glück: Schnellen Erklärungen fehlt es an Poesie, die den Blick auf die Dinge schärft. Irritation wird so zu einem immer wiederkehrenden Moment, das unser Denken stimuliert – im besten Fall dasjenige über Kunst, genauso wie dasjenige über unseren Alltag.

Andrea Gerber studierte vier Jahre an der Zürcher Hochschule der Künste im Fach Bildende Kunst. Seit ihrem Abschluss arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und als Gruppenleiterin in einer Holzwerkstatt.

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