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DIE PFEIFE
Von Jägern und Sammlern

Marcel Deubelbeiss
Viele Künstlerinnen und Künstler sind Jäger. Ohne Zweifel: Wie diese beobachten sie ihre Umgebung durch ein Visier, fangen etwas ein, um es für die Ewigkeit festzuhalten respektive an die Wand zu nageln.

Dieses freilich leicht maskuline Verhaltensmuster – Erspähen, Abschiessen und als Objekt aufhängen – wird in der Arbeit „Die Pfeife“ von Andrea Gerber auf derbe Art aufgegriffen und ad absurdum geführt. Mit ihrer Strategie der Verfremdung setzt sie zu einem ironischen aber auch kräftigen Seitenhieb auf Männerdomänen und -trophäen an. Im Unterschied zu den Tierköpfen, welche als Jagdtrophäen die Wände urchiger Gasthäuser zieren, haftet dem Horn in Andrea Gerbers Arbeit nichts Dekoratives an. Eine Umkehrung von Objekt und Subjekt findet statt: Wenn die herkömmlichen Trophäen den Blick des Betrachters nie erwidern, ganz Objekt sind und so ohne Bedrängnis angeschaut werden können, windet sich das Pfeifen-Horn auf obszöne Weise aus dem Schild. Es ist aktiv, wirkt bedrohlich, ist beinahe lebendig und hat so nichts mit den ausgestopften Rehköpfen gemein, deren Blick verträumt in die Ecke zu schweifen scheint. Der selbstgefällige Jäger und Betrachter wird durch sein Opfer selbst in Frage gestellt.
Aber der Provokation nicht genug: Das zierliche Messingschild verbindet derben, sexistischen Spott mit einer Ikone aus der Kunstgeschichte. Kein anderer als René Magritte muss als Titelgeber für die Arbeit hinhalten. Dessen „Pfeife“, die von ihm wiederum als Pfeife angezweifelt wurde, gab schon viele Rätsel auf. Und nun hat man es mit einem Horn zu tun, das als Pfeife bezeichnet wird und an einen Penis (Pfeife) erinnert. Ob hier das Wort endlich zu seinem Objekt gefunden hat, indem es als Metapher erscheint, bleibt wohl unbeantwortet. Beide Arbeiten haben aber etwas gemein: Sie inszenieren Dinge oder Worte in Form von Trophäen, um genau diese Darstellungsweise zu hinterfragen. Eine solche Darstellungsweise dient nämlich nur denjenigen, die Traditionen zur ewigen Allgemeingültigkeit erklären wollen – aus Angst, die eigene Position des selbstgefälligen benennenden und betrachtenden Jägersubjektes zu verlieren. Aber das Wort ist genauso wenig Jäger wie der Blick: Beide verfehlen ihr Objekt immerzu. Oder was würde René Magritte dazu sagen? Im Besten Fall nicht viel und ab so viel subversiven Witz lauthals Lachen.

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