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Ausstellungstext

FIRST AUF FRIST
Der Schaukasten von Andrea Gerber

Ursula Badrutt
Über eine mögliche Fortsetzung der Bauernmalerei im Tafelbild ist schon verschiedentlich diskutiert worden, und mit Niklaus Wenk oder Willi Künzler finden sich möglicherweise zwar prominente aber in der Zuordnung zur Bauernmalerei auch umstrittene Vertreter. Ob auch die Appenzeller Möbelmalerei entwicklungsfähig ist, war bisher kaum Gegenstand von Untersuchungen. Andrea Gerber, eine junge Künstlerin und Schreinerin aus dem aargauischen Windisch, hat sich diesen Sommer in den Brauchtumsmuseen des Appenzellerlandes umgeschaut. Ausgehend von ihren beiden Berufen faszinierten sie die Bauernkästen im Museum Herisau, in Urnäsch und Appenzell ganz besonders.

So beschliesst sie, in Anknüpfung an ihr bisheriges künstlerisches (und handwerkliches) Schaffen einen Kastentypus zu entwerfen, der einerseits Elemente der traditionellen Möbelmalerei enthält, andererseits aber klar als Kunstobjekt zu verorten ist. Hergestellt aus MDF, Tannenfurnier, teilweise mit Plexiglas und Innenbeleuchtung, bietet die Künstlerin vier verschiedene Schrank-Varianten an, die sich nach den jeweiligen Bild- bzw. Textsujets unterscheiden in „Säntis“, „Alpfahrt“, „Robert“, „Chlaus“. Der Auftraggeber kann die Details der Malerei oder des Fotodrucks selber bestimmen. Allerdings wird die Bildertür mit einem Furnier zugedeckt, das durch Abschleifen hauchdünn und durchscheinend wird. Diese Art der Versiegelung, die Andrea Geber schon in früheren Kunstobjekten wie einem Spülbecken, einem Spiegel oder Fenster, einer LP oder einem TV angewendet hat, bewirkt eine Entfremdung, eine durch Abdecken sichtbar gemachte Geschichtlichkeit im Erscheinungsbild des in seinen Massen und Konstruktionsteilen traditionell wirkenden Kastens. Das Bild wird vor Blicken geschützt, entzieht sich, wird zum Geheimnis. Nicht selten sind üppige Malereien übermalt, dadurch konserviert, und später wieder freigelegt worden.
Für den temporären Vertrieb ihrer Kastenmodelle hat Andrea Gerber für die befristete Zeit der Einladung zum „Schaukasten Herisau“ eigens eine Firma gegründet, mit Logo, Internetauftritt (www.fuge9100.ch) und einem Schaukasten als Werbeplattform vor der Post Herisau. Dort sind Musterstücke der schmucken Türbehandlungen in den vier Varianten zu sehen, als wärs ein ganz gewöhnlicher Schaukasten, gemietet von einer ganz gewöhnlichen Firma.
Andrea Gerber interessieren die Übergänge und Zwischenräume, die Fugen, zwischen Funktion und Ästhetik, Kunst und Design, Tradition und Innovation. Der Zweckmässigkeit der Dinge nähert sie sich von verschiedenen Seiten her an, sie vertraut und misstraut ihr. Benutzbare, aber in ihrer Benutzbarkeit entfremdete Dinge attackieren unser eingeschliffenes Wahrnehmen. Objekte und Rauminstallationen wie „Abrichten“, eine Gigampfi als Skulptur, oder „Vertrauen“, ein betretbares Objekt zwischen Jahrmarkts-Mutprobe und zweckfreiem Kunst-Stück, lassen alltagsnahe Gegenstände in psychologisch aufgeladene Untiefen gleiten.
Andrea Gerber ist 1980 geboren. Im Anschluss an die Schreinerlehre in Windisch absolviert sie ein Studium im Bereich Bildende Kunst an der HGK Z, das sie 2006 abschliesst.

Ursula Badrutt ist Kunsthistorikerin und freie Kunstjournalistin. Sie lebt in Herisau.

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