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Ausstellungstext

HUIS CLOS
Hinter verschlossenen Türen

Marcel Deubelbeiss
Kunst schärft den Blick auf den Alltag: In ihrer Unzugänglichkeit und Verschlossenheit erhebt sie Einspruch gegen die vermeintliche Einfachheit der Dinge, die uns tagtäglich umgeben. Diesen Anspruch hat auch die Arbeit „Huis Clos“, die im wahrsten Sinne des Wortes unzugänglich bleibt.

Die Tür gewährt einem nicht ohne Weiteres Durchlass; von ihr geht eine eigentümliche Macht aus, die bedrohliche Züge annehmen kann. „Komm und öffne mich!“, scheint sie uns verführerisch zuzuflüstern. „Erst so wirst du wissen, was ich noch vor dir verborgen halte.“
Einmal der eigenen Neugier verfallen, wird man nicht mehr von dem absehen können, was sich dem eigenen Blick und dem Verstehen entzieht. Das Unsichtbare ist plötzlich evidenter als das Sichtbare: Hinter verschlossenen Türen spielen sich die Dinge ab, die einen angehen. Dort werden Entscheidungen getroffen, Pläne geschmiedet und womöglich finden sich dort diejenigen, die über das eigene Schicksal entscheiden – so denkt man jedenfalls von den Dingen und Orten, die in ihrer Unzugänglichkeit direkter betreffen als alles, was sich scheinbar selbstverständlich und ohne Geheimnis darbietet.
Keinen Zutritt zu haben und nicht zu verstehen, heisst somit, nicht nur aussen vor zu sein, sondern an den Punkt zu gelangen, wo die eigene Existenz in Gegenwart fremd gewordener Dinge zu verschwinden droht.
Meist fügen sich diese aber unserem Gebrauch. Eine Tür zu öffnen ist uns geläufig und stellt meist keine Schwierigkeit dar. Als ein Alltagsgegenstand ist deren Benutzung so selbstverständlich, dass man sich dieser fast nicht mehr bewusst ist. Eigentlich sind die meisten uns umgebenden Gegenstände so beschaffen, dass sie sich in ihrem Gebrauch vollkommen auflösen. Kein ästhetischer Überschuss irritiert die über Jahre meist unbewusst geschulten und selbstverständlich gewordenen Handgriffe: Der Sozialisierungsprozess fordert, dass man schon in der Kindheit lernt, fast blindlings mit den einen umgebenden Dingen umzugehen. In ihrer scheinbaren Gefälligkeit kaum mehr wahrgenommen, bleiben diese stumm und scheinen ihren genormten Gebrauch stillschweigend zu ertragen; die Zweckmässigkeit und die Stilisierung definieren das Alltagsdesign, das sich scheinbar in den Dienst der Allgemeinheit stellt: „Das Wesen des kunstgewerblichen Gegenstandes ist, dass er viele Male existiert, seine Verbreitung ist der quantitative Ausdruck seiner Zweckmässigkeit, denn er dient immer einem Zweck, den viele Menschen haben. Das Wesen des Kunstwerks dagegen ist Einzigkeit.“ (Georg Simmel: Soziologische Ästhetik, hg. von Klaus Lichtblau, Bodenheim 1998, S. 153)
Andrea Gerber, Schreinerin und Künstlerin, weiss genauso um die Notwendigkeit der Zweckmässigkeit, wie sie dieser auch misstraut: Sie scheint Georg Simmels formulierten Gegensatz in ein jedem ihrer Werke erneut auszutragen. Der Umstand, dass das Aufschliessen einer Tür im Alltag vertrauter ist als das Erschliessen einer Bedeutung in einem Kunstwerk, ist Anlass für die Künstlerin, beide Tätigkeiten zu vereinen. Kaum hat man den Schlüssel im Schloss gedreht, kriegt man Einblick in die Mechanismen, die sonst, kaum wahrgenommen, einem beim alltäglichen Öffnen und Schliessen entgehen. Erstaunt hält man kurz inne. Der im alltäglichen Leben seltene Moment der Irritation fordert im Kunstwerk genauso sein Recht, wie er nach seiner Berechtigung fragt: Soll sich Design wirklich entgegen der Kunst mit dem Primat der Funktionalität in den Dienst der Allgemeinheit stellen? Oder trägt es so letzten Endes nicht auch Schuld daran, dass Machtstrukturen in Vergessenheit geraten, weil die glatte Oberfläche schnittig gestalteter Objekte gesellschaftliche Ausschliessungsmechanismen verdeckt? Wenn das Design sich benutzerfreundlich gibt, so verheimlicht es nur, dass es seinen Gebrauch massgeblich diktiert.
Die vom Design aufgrund der Forderung nach Schlichtheit, Zugänglichkeit und Verständlichkeit verborgen gehaltenen Tiefenstrukturen treten in „Huis Clos“ dank eines künstlerischen Eingriffs an die Oberfläche: Schlösser, zu einer langen Schiene aufgereiht, lassen sich ohne Widerstand schliessen – sie führen bildlich vor, wie das reibungslose Ineinandergreifen aller Elemente einer Gesellschaft zur Grundlage kollektiven Vergessens und Ausschliessens von Unerwünschtem werden kann.
Andrea Gerber hinterfragt so mittels künstlerischen Strategien das Verhältnis von Ästhetik und Funktionalität, respektive Kunst und Design. Indem sie die scheinbar reibungslose Funktionalität des Designs mittels künstlerischen Strategien zur Erschöpfung treibt, macht sie sichtbar, was im alltäglichen Umgang leichtfertig von denjenigen übersehen wird, die von nichts ausgeschlossen sind und nie aussen vor standen.

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